Warum Industrie 4.0 kein Hexenwerk ist und Unternehmen jetzt loslegen sollten

Es riecht intensiv nach Malz. Erdig und ein wenig süßlich. In Handarbeit entstehen in der wiederbelebten Union Brauerei im Bremer Stadtteil Walle Craftbiere. Knapp 50 Jahre, nachdem die Brauerei aus der Gründerzeit stillgelegt wurde. Der Veranstaltungsort des idea to business (i2b) meet-ups steht im starken Kontrast zum Thema des Abends: Industrie 4.0 als Managementaufgabe. Auf der einen Seite Handarbeit, auf der anderen Seite fortschreitende Automatisierung durch Digitalisierung.

Ein Fortschritt, den Unternehmen kaum noch ignorieren können. „Durch die Digitalisierung erhöht sich die Schlagzahl enorm. Sowohl bei Innovationen, als auch der Veränderung von unternehmensinternen Prozessen. Die Frage ist: Ist das Unternehmen bereit für diese Schlagzahl?“, brachte Dr. Michael Baumeister, Werkleiter der Harting Electric GmbH & Co. KG in seinem Impulsvortrag die Herausforderung auf den Punkt. Der Hersteller von Steckverbindungen gilt als Vorzeigebeispiel in Sachen Industrie 4.0. Für Baumeister ist klar: Digitalisierung ist eine Aufgabe für das Gesamtunternehmen.

Dr. Michael Baumeister von der Harting Electric Group verdeutlichte in seinem Impulsvortrag, dass Industrie 4.0 in kleinen Projektteams zu erfolgversprechenden Resultaten führt. | Bild KONTRAST Medienproduktion
Dr. Michael Baumeister von der Harting Electric Group verdeutlichte in seinem Impulsvortrag, dass Industrie 4.0 in kleinen Projektteams zu erfolgversprechenden Resultaten führt. | Bild KONTRAST Medienproduktion

Hierarchien abbauen

So entwickelte Harting kross-funktionale Kompetenzteams, die sich aus allen Abteilungen und Hierarchieebenen, jung und alt, zusammensetzen. Sie erhalten jeweils ein Jahr Zeit, ein Industrie 4.0-Projekt umzusetzen. Und sind die Keimzellen der Digitalisierung bei Harting, die als Vorbild für künftige Arbeitsweisen gelten sollen: agil, flexibel und durch interdisziplinäre Zusammensetzung höchst kreativ. Zudem entwickelte Harting das Projekt „Facebook trifft Erfahrung“, wo sich Manager mit jungen Berufseinsteigern treffen, um gegenseitiges Verständnis für die Lebenswelten zu schaffen.

Im Kleinen starten

Harting zeigt: Industrie 4.0-Projekte müssen nicht groß angelegt sein, sie können auch in kleinen Teams, Piloten und Testräumen beginnen. „Der Change-Prozess muss aus dem Unternehmen kommen“, sagt Matthias Dresen, Senior Software Developer bei der Bremer Technologieberatung SALT AND PEPPER und einer der fünf Referenten der Podiumsdiskussion. Dann wandelt sich auch allmählich die Unternehmenskultur.

Medienbrüche als Ausgangspunkt nutzen

Ein guter Startpunkt für Digitalisierungsprojekte seien Medienbrüche im Unternehmen – überall dort, wo Daten manuell von einem Format ins andere übertragen werden. Etwa von Papier auf Excel. Wichtig sei es zudem herauszufinden, wie man Produkte und Services gemeinsam vermarkten könne, so Christoph Ranze, Geschäftsführer der encoway GmbH. Denn durch die Digitalisierung investieren Unternehmen zunehmend in Software – und diese könne dann auch vermarktet werden, um die Investitionen zu amortisieren.

Auf Netzwerke setzen

Für manche Unternehmen ist es schwer, Arbeitskräfte aus dem Alltag für Industrie 4.0-Projekte freizustellen, weil die Kapazitäten fehlen. Das betrifft häufig kleine und mittelständische Unternehmen. „Aber gerade diese sind prädestiniert, schnell mit Digitalisierungsprojekten loszulegen, da sie flexibler sind als große Konzerne“, so Christian Gorldt, Abteilungsleiter am BIBA – Bremer Institut für Produktion und Logistik. Hier ist die Zusammenarbeit in Netzwerken eine Lösung, um Knowhow aufzubauen. Dabei steht auch die Wissenschaft zur Seite, denn sie wartet auf Anregungen und Ideen aus der Wirtschaft, um anwendungsorientiert forschen zu können. Zudem helfe ein Blick von außen, so Gorldt, neue Impulse zu erhalten.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion vertieften die Gäste die Referenten, wie hier Prof. Sven Voelpel und Matthias Dresen, noch in intensive Diskussionen | Bild KONTRAST Medienproduktion
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion vertieften die Gäste die Referenten, wie hier Prof. Sven Voelpel und Matthias Dresen, noch in intensive Diskussionen. | Bild: KONTRAST Medienproduktion

Fachkräfte sichern

Neue Impulse muss es auch geben, wenn es um die Qualifizierung der Fachkräfte geht. Vielfach hinkt die Ausbildung schon heute der Arbeitsrealität hinterher. Zudem sind viele angewandte Lehrmethoden nicht mehr Stand der Forschung. „Wir müssen mehr Spaß am Lernen haben damit lebenslanges Lernen selbstverständlich wird“, so Sven Voelpel, Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University. Dazu gehöre es auch, bildungsferne Schichten an das Thema heranzuführen, da die Wirtschaft den Fachkräftemangel sonst nicht bewältigen könne.

Bremen gut aufgestellt

Bremen ist ein starker Industriestandort, so der Tenor der fünf Referenten des i2b-Forums und gut auf den Wandel durch die Digitalisierung vorbereitet – auch dank der starken IT-Wirtschaft vor Ort. Zukünftige Aufgaben müssen die stärkere Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sein, um neue Werkzeuge für Herausforderungen wie den Fachkräftemangel zu finden.

Mehr zum i2b-Netzwerk: i2b.de